... über typische Familien-Dynamiken
Systemische Verstrickungen, also Verstrickungen, die aus gestörten Beziehungen innerhalb eines Systems resultieren, sind nicht so vielfältig, wie man denken könnte. Trotz unterschiedlicher individueller Schicksale und Familiengeschichten, lassen sich die Ursachen und Folgen von Verstrickungen in aller Regel auf eine Verletzung der Systemregeln Recht auf Zugehörigkeit, familiäre Ordnung und Ausgleich von Geben und Nehmen reduzieren.
Einige typische Dynamiken der Verstrickung:
Wenn Kinder nicht Kind sein können.
Wenn Kinder fremde Gefühle übernehmen.
Wenn Kinder als Partnerersatz einspringen.
Wenn Kinder zwischen die Fronten geraten.
Der Sog zu den Toten.
Wenn Kinder nicht Kind sein können.
Die systemische Ordnung verlangt, dass Vorrang hat, was früher da war. Am Anfang der Familie ist aber das Paar, oft lange bevor zwei Menschen überhaupt an Kinder denken. Die Paarbeziehung geht der Elternschaft zeitlich voraus, und damit hat sie den Vorrang vor der Beziehung zu den Kindern. Die Energie des Paares muss also zuerst aufeinander zielen und erst dann auf die Kinder.
Geht die Energie eines Paares dagegen hauptsächlich zu den Kindern, öffnet sich ein wahrer Teufelskreis. Denn je weiter die Paarbeziehung in den Hintergrund rückt, um so weniger wird sie die elementaren Bedürfnisse nach Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit befriedigen können. Die Beziehung stimmt schnell nicht mehr, und mit der Zeit entsteht ein Defizit, das auf andere Weise gefüllt werden muß, nicht selten durch die Kinder.
Dann suchen Eltern bei ihren Kindern das, was sie beim Partner nicht mehr finden, und die Eltern Kind-Beziehung bekommt eine Färbung, die ihr nicht angemessen ist und die Kinder belastet und verwirrt. Denn als Kinder können sie ihren Eltern unmöglich das geben, was die vom Partner nicht oder nicht mehr bekommen. Kinder sind mit einer solchen Anforderung nicht nur restlos überfordert, als Partnerersatz verlassen sie auch ihren Platz als Kinder und übernehmen wesentliche Aufgaben eines Elternteils. Das widerspricht der systemischen Ordnung und hat weitreichende Folgen.
Ebenso wenig können Kinder die Defizite ausgleichen, die Eltern in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben, das können nur die eigenen Eltern. Wer sich als Vater oder Mutter noch immer nach der bedingunglosen Liebe seiner Eltern sehnt, gerät in Versuchung, die fehlende elterliche Liebe mit der bedingungslosen Liebe seines eigenen Kindes zu verwechseln. Dadurch verkehren sich aber die Verhältnisse: das Kind übernimmt quasi die Rolle seiner eigenen Oma und versucht, seiner Mutter eine gute Mutter zu sein. Dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt, bedarf keiner Erklärung.
Wenn Kinder fremde Gefühle übernehmen.
Kinder übernehmen in den ersten Lebensjahren, in der Phase, in der ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit am größten ist, viele Gefühle aus der Familie. Manchmal kommt ein ganzes Paket übernommener Gefühle zusammen, die ein Leben ganz entscheidend beeinflussen können.
Nicht selten wirken übernommene Gefühle wie ein Virus mit extrem langer Inkubationszeit. Sie schlummern geraume Zeit im Verborgenen und werden erst viele Jahre nach der Ansteckung aktiv. In der Regel bemerken wir sie nur dann, wenn sie mit unserer eigenen Lebensplanung oder unseren Lebensumständen in Konflikt geraten. Zum Beispiel, wenn wir unser Bedürfnis nach beruflicher Selbständigkeit nicht leben können, uns vergeblich eine Partnerschaft wünschen, oder uns traurig, leer und verlassen fühlen, obwohl es in unserem Leben dafür keinen Anlaß gibt.
Ein großer Teil der Gefühle und Blockaden, die unser Leben bestimmen, sind aus der Familie übernommen, und sie beruhen meist auf einem konkreten aber vergangenen Ereignis. Sie gehören zu einer anderen Zeit und einem anderen Menschen, und dort hatten sie ihre Berechtigung, nicht aber in unserem Leben.
Wir übernehmen vielleicht die unterschwellige Trauer der Mutter über den frühen Tod ihrer Schwester, die wir aber selbst gar nicht kennen. Oder wir übernehmen das Gefühl von Heimatlosigkeit von den vertriebenen Großeltern und fühlen uns, obwohl wir nirgendwo vertrieben wurden, auch heimatlos. Vielleicht übernehmen wir die verdrängten Schuldgefühle des Vaters, weil er die Mutter wegen einer anderen Frau verließ, und nun fühlen wir uns schuldig, obwohl wir gar nichts Böses getan haben. Waren die ursprünglichen Gefühle besonders heftig und stark, werden sie manchmal von einer Generation an die nächste weitergegeben, ohne nennenswert an Kraft zu verlieren. Dann schlagen sich die Nachkommen mit Gefühlen herum, zu denen sie jeden tatsächlichen Bezug verloren haben; bis auf das Gefühl.
Wenn Kinder als Partnerersatz einspringen.
Wenn eine Ehe oder Partnerschaft nicht mehr gut läuft und die Beziehung hochgradig gefährdet ist, springt nicht selten ein Kind als Partnerersatz ein, um für einen enttäuschten und bedürftigen Elternteil den besseren Mann oder die bessere Frau zu spielen, oder um einen, der auf dem Absprung ist, am Gehen zu hindern.
Da wird der 5jährige Sohn zum Partnerersatz für die Mutter, weil der Vater diese Rolle nicht mehr übernimmt, und er gebährdet sich fürsorglich, liebevoll und verantwortungsbewusst, eben wie ein echter kleiner Traummann. Und da schlüpft die unreife Tochter für den Vater in die Rolle der Mutter als Partnerin. Sie kokettiert, ist äußerst charmant und liebevoll und verhält sich wie die Miniausgabe einer Frau, die versucht, den Vater in der Familie zu halten. Und zwischen den Beteiligten gibt es meist ein unausgesprochenes Einverständnis, das die verkehrten Verhältnisse sanktioniert.
Kinder, die als Partnerersatz für ihre Eltern einspringen, haben fast immer Probleme mit ihren eigenen Partnerschaften. Zum einen, weil der Platz an ihrer Seite durch Vater bzw. Mutter besetzt ist. Zum anderen, weil sie nicht in ihre Rolle als Mann und Frau hineinwachsen konnten. Denn das Mädchen wird nur an der Seite der Mutter zur Frau, und der Junge an der Seite seines Vaters zum Mann. Da sie als Partnerersatz aber immer gerade auf der falschen Seite stehen, bleiben solche Kinder häufig Papas kleines Mädchen und Mamas kleiner Junge. Sie sind charmant und bezaubernd, aber selten fähig zu einer erwachsenen Partnerschaft.
Wenn Kinder zwischen die Fronten geraten.
Kinder werden ständig, offen oder verdeckt, in elterliche Konflikte einbezogen, und sie versuchen bereitwillig diese zu lösen. Manchmal bekommen sie in Streitfällen den eindeutigen Auftrag, zwischen den Eltern zu vermitteln: "Rede doch mal deinem Vater...", oder: "Kannst du deiner Mutter nicht mal sagen...", und dagegen können sie sich kaum wehren. Es ist schwer vorstellbar, daß ein 5-jähriger zu seinen Eltern sagt: "Lasst mich mit eurem Kram in Ruhe und klärt euer Probleme gefälligst selbst".
Kinder fühlen sich verantwortlich - wenn man sie lässt. Darum greifen sie nicht selten sogar von sich aus in elterliche Konflikte ein und erklären Vater oder Mutter, wie sie sich zu verhalten haben, und wie es richtig geht. Sie glauben fest daran, dass ihre Hilfe etwas fruchtet und nicht selten haben sie sogar Erfolg damit. Aber das ist dann besonders schlimm, denn zu einer prägenden Lernerfahrung dieser Kinder wird, dass die, die eigentlich das Sagen haben, hoffnungslos überfordert sind, und dass es ohne ihre kindliche Hilfe nicht geht.
Damit setzt eine fatale Kettenreaktion ein. In gewisser Weise werden viele dieser Kinder größenwahnsinnig, denn sie bekommen eine Wichtigkeit, die ihnen als Kindern gar nicht zusteht. Sie blähen sich auf, werden regelrecht anmaßend und verlieren die Achtung vor ihren Eltern; sie fühlen sich ihnen gleichrangig, wenn nicht gar überlegen. Damit können sie aber nicht mehr von ihren Eltern nehmen, nehmen können sie nur als bedürftiges Kind. Was ihnen letztlich von ihrem Größenwahn bleibt, ist ein falscher Platz in der familiären Rangfolge und ein nachhaltiges Defizit; sie sind nicht mehr ausschließlich Kind, und das ist äußerst belastend. Dafür können sie natürlich nichts, es ist die logische Folge der Situation. Wenn die Eltern, aus welchen Gründen auch immer, nicht auf ihrem Platz stehen, springen eben die Kinder ein.
Kinder, die in elterliche Konflikte verwickelt wurden, haben auch in ihrem späteren Leben Probleme, sich gegenüber fremden Konflikten abzugrenzen und sich jeder Einmischung in fremder Leute Angelegenheiten zu enthalten. Aus ihren Erfahrungen in der Familie leiten sie ein Lebenskonzept ab, das heißt: Ich bin da, um Streit zu schlichten, ohne mich geht es nicht. Wo auch immer ihre schlichtenden, vermittelnden und diplomatischen Fähigkeiten gebraucht werden, sind sie zur Stelle. Und nicht wenigen von ihnen bereitet ein anmaßendes Verhalten gegenüber Autoritätspersonen, wie Lehrern und Vorgesetzten, große Probleme, denn ihr ganzes Verhalten signalisiert: Eigentlich wäre ich der bessere Chef.
Der Sog zu den Toten.
Zu den schlimmsten Ereignissen in Familien gehören viel zu frühe Todesfälle von Eltern, Kindern und Geschwistern. Sie wirken häufig über mehrere Generationen in der Familie nach und bestimmen viele Schicksale. Besonders für Kinder ist der Verlust eines Elternteils oder eines Geschwister ein traumatisches Ereignis, je kleiner sie sind, um so schlimmer wirkt es sich meist aus. Die tiefe und absolute Bindung des Kindes an seine Familie führt dazu, daß sich das Kind verzweifelt nach dem Menschen sehnt, der nicht mehr da ist. Der Tod unterbricht die Bindung nicht, auch wenn er sie im Äußeren verhindert. Das Kind fühlt sich an einen toten Elternteil oder ein totes Geschwister ebenso gebunden wie an die Lebenden, und es möchte zu diesem Menschen hin.
Kinder haben noch keine Vorstellung vom Tod. Sie können sich nicht ausmalen, was mit den Toten passiert und wo sie sind, wenn sie nicht mehr da sind. Eine der gängigen Erklärungen auf ihre Fragen ist: sie sind im Himmel oder auf einem anderen Stern. Um mit ihren toten Angehörigen wieder zusammen zu sein, wünschen sich Kinder dann auch in den Himmel, oder auf diesen fernen Stern. Für sie hat das keinerlei Schrecken.
Die ungestillte, tiefe Sehnsucht nach dem geliebten Menschen bleibt oft ein Leben lang. Ein kindlicher Teil im Erwachsenen denkt weiterhin, wenn ich tot wäre, wäre ich wieder bei Papa, Mama oder dem Geschwister. Den Betroffenen selbst ist das nicht einmal bewußt, aber mit einem Teil ihrer Lebensenergie sind sie oft bei dem Toten und sehnen sich nach ihm. Einige geben ihrer Sehnsucht tatsächlich nach und entscheiden sich irgendwann für den Tod. Andere überlassen die Entscheidung mehr oder weniger dem Zufall. Sie fordern den Tod förmlich heraus, indem sie z. B. riskante Sportarten treiben, wie die Wahnsinnigen Auto fahren oder generell sträflich leichtsinnig sind. Familienaufstellungen zeigen, dass etliche unerklärliche Selbstmorde und scheinbare Unglücksfälle ihren tieferen Grund darin haben, dass ein kindlicher Teil sich unwiderstehlich zu einem geliebten Gestorbenen wünschte.
Der überwiegende Teil der Kinder, die in der Kindheit Vater, Mutter oder ein Geschwister verloren, bleibt im Leben und gibt dem Sog zu den Toten äußerlich nicht nach. Aber innerlich sind auch sie fast immer wenigstens ein Stück bei den Toten. Sie leben mit gebremster Kraft und wirken nicht selten wie überschattet von Trauer und Schwere. Werden sie später selbst zu Eltern, setzt eine tragische Dynamik ein. Denn ihre Kinder spüren die Sehnsucht von Vater oder Mutter und den Sog, der sie zu den Toten zieht, und sie versuchen ihre Eltern zu retten. Die Kinder glauben, wenn sie selbst in den Tod gehen, könnten Vater oder Mutter bleiben. Innerlich sagen sie zu ihnen: Lieber gehe ich als du. Auch sie sind dann entweder mit einem Teil ihrer Lebensenergie bei den Toten, oder sie gehen tatsächlich: sie bringen sich um oder finden einen anderen Weg, aus dem Leben zu gehen.
So kann sich der Tod von wichtigen Bezugspersonen in der Kindheit über mehrere Generationen unheilvoll auswirken. Auch die vierte und fünfte Generation ist nicht davor gefeit, in den Sog zu geraten. Denn Bindung und bedingunglose Liebe sind bei den Kindern aller Generationen gleich, ebenso wie ihr Impuls zu retten. Der Retterinstinkt der Kinder erweist sich auch hier als das eigentliche Problem. Durch ihre gut gemeinte "Einmischung" findet das Schlimme kein Ende, es setzt sich nur ungehindert weiter fort, von Generation zu Generation. Der Nutzen ist im Übrigen gleich Null. Kein Kind kann Vater oder Mutter vor dem Tod retten, wenn die sich innerlich dazu entschieden haben.
Aufhören kann der Sog zu den Toten erst, wenn Kinder die Entscheidung und das Schicksal ganz bei ihren Eltern lassen. Wenn sie sich entschließen, zu sagen: "Auch wenn du gehst, ich bleibe", kann es gut weitergehen.